Der Wächter 2/2020 – „Is´ eh alles wurscht!“ Wehr- und sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 8/6/20

Die Corona-Krise hat schon ein paar höchst interessante Fakten an die Oberfläche der Wahrnehmung gespült, wo sie allerdings, dem österreichischen Phlegma entsprechend, nicht lange im Bewusstsein verbleiben werden. Ebenso, einer jahrzehntelanger Tradition entsprechend,  werden die Fakten auch sicher nicht zu einem Umdenken hin zu einer, den Umständen angepassten, Finanzausstattung für das Österreichische Bundesheer führen. Alle bisherigen und  noch viel mehr die nun durch die Krise notwendig gewordenen Vorhaben der Regierung sprechen schon im Vorhinein gegen eine wirksame Aufstockung des Budgets. Warum bräuchte man aber diese? Nun schauen wir uns einmal die vorhin angesprochenen Fakten an. Seit Jahren warnen die militärischen Sicherheitspolitiker unter anderem vor Pandemien – sie haben also richtig gewarnt, allerdings ohne irgendeine Auswirkung auf Struktur und Ausstattung des Bundesheers.  Verzweifelt haben aufrichtige Streitkräftedenker vor der ökonomisch getriebenen Selbstaufgabe der Autarkie im Bereich Sanitätsversorgung, Instandsetzung, Betankung, der Verpflegszubereitung oder dem Kasernenverkauf gewarnt, um dann, wenn im Umfeld Probleme auftreten, wenigstens die Einsatzkräfte einsatzbereit halten zu können. Zaghafte Versuche „Sicherheitsinseln“ zu schaffen, von denen die Bevölkerung ausgeht, dass es sie gibt, sind schon bei den „Erfindern“ an der Finanzierung gescheitert. Schutzausrüstung war nicht nur bei zivilen Einsatzkräften oder in Spitälern eine Mangelware, nein auch im Bundesheer.

Masken höherer Qualität wurden richtigerweise für das Sanitätspersonal bereit gehalten, aber was bekamen die Einsatzkräfte? Entweder wurde der Einsatz auf die nicht vorhandene Ausrüstung angepasst oder es standen besser ausgerüstete Polizisten neben weniger gut ausgerüsteten Soldaten. Finanzielle Einsatzregelungen, zB um auch nicht im Einsatz stehende Kräfte isolieren zu können, gibt es nicht, oder besser gesagt man hatte die Mittel nicht dazu. Im Einsatz befindliche Kräfte konnten durch Isolation geschützt werden, aber das sie versorgende Personal  musste zu Dienstschluss nach Hause entlassen werden, um am nächsten Tag mit entsprechendem Risiko wieder die kasernierten Einsatzkräfte zu betreuen und zu versorgen. Das Hochfahren der Einsatzdispositive verzögerte sich durch finanzielle Bedenken über den Aufwand, aber trotzdem hat, wenn man der Öffentlichkeitsarbeit glaubt,  alles wieder irgendwie funktioniert. Man war allerdings nicht in der Lage, die Einsatzkräfte autonom auf Corona zu testen geschweige denn, den zivilen Bereich zu entlasten. Militärische Intensivpatienten in eigenen Einrichtungen zu versorgen oder gar zivile Kapazitäten zu verstärken, wie es andere Armeen machen konnten, war wegen der in  vergangenen Jahren mit Hilfe des Rechnungshofes „erfolgreich“ vernichteten Sanitätskapazitäten wohl nicht möglich.  Nur der sichere Lufttransport von Corona-Patienten oder die erfolgreiche Wiederaufbereitung von gebrauchten höherwertigen Schutzmasken durch die ABC-Abwehrtruppe heben sich bemerkenswert von der Situation ab. Und natürlich die sicherheitspolizeilichen Einsätze oder die Einsätze zum Durchsetzen von gesundheitsbehördlichen Maßnahmen  funktionierten bestens inklusive der Ablöse durch die Miliz.

Apropos Miliz: jetzt wurde sie also endlich einmal aufgeboten und die, die kamen, machen einen tollen Job. Aber warum sind so viele nicht gekommen? Wo waren die Milizvereinsfunktionäre und die ewigen Nörgler am System, als es darum ging, wirklich Flagge zu zeigen? Was lässt sich also jetzt als minimale Erfahrung verwerten. Man weiß nicht, wann welche Krisensituation eintritt, aber man weiß, welche eintreten könnten. Nun kann man sich nicht auf alle Möglichkeiten im gleichen Umfang vorbereiten, aber man sollte auf jeden Fall das Knwo how entwickeln und erhalten – und – man muss auch ein Minimum an Ausrüstung zur Bewältigung aller möglichen Situationen haben. Das Stilllegen oder Vernachlässigen von Elementen, die nun mal zu Streitkräften gehören, rächt sich immer. Der Rechenstift ist auf jeden Fall ein falscher Ratgeber- aber- „Is´ eh alles wurscht!“.

Der Wächter

Dieser Wächter wurde im „Offizier 2/2020“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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