Der Wächter 4/2020 – Unseren Egoismus überwinden Wehr- und sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 16/12/20

Sätze wie „Ich lasse mir doch kein Maskentragen anschaffen, das ist eine Einschränkung meiner Grund- und Freiheitsrechte!“ oder „Ich mache Party, wann und wo ich will!“ sind wohl typische Erscheinungen eines Alltagshedonismus. Eine Haltung, die nur eine Maxime kennt: Lustgewinn, wenn es um eigene Bedürfnisse geht, aber zurücklehnen und andere machen lassen, wenn gemeinsame Werte auf dem Spiel stehen. Der Hang zu immer Mehr an ständigem Amüsement lässt die Bedürfnisse der Mitmenschen in den Hintergrund treten. Das zeigt sich eben auch sehr deutlich in den die Gesellschaft spaltenden Ansichten zum Maskentragen oder zu Maßnahmen, die dazu dienen, auch weiterhin für alle eine optimale medizinische Versorgung sicherzustellen. Verbunden ist das meist mit Halbwissen über die Gefahr oder mit selektiv verwendeten Informationen von Fachleuten oder solchen, die es gerne sein würden. Nun finden wir aber solche Verhaltensweisen leider auch in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, wie uns der „Trendradar“ 3/2020 (siehe auch Seite 16 dieser Ausgabe) deutlich vermittelt. Wenn Österreich angegriffen werden würde, wären offensichtlich nur 29 % der zuletzt dazu Befragten bereit, sich mit der Waffe zu verteidigen, während das 60 % verneinen. Die gleichen Leute sind aber zu 73 % damit einverstanden, dass die EU in so einem Fall den Österreichern militärisch helfen sollte. Es überrascht nun wenig, wenn dann aber umgekehrt nur 30 % der befragten Österreicher einem anderen EU-Land in so einer Not beistehen würden. Getragen wird diese Haltung von Menschen, die sich zwar zu 48 % für Politik interessieren, aber nur zu 23 % für Verteidigungspolitik. Trotz diesem mangelnden Interesse für Verteidigungspolitik sind dann aber 78 % der Ansicht, dass man die Neutralität beibehalten muss, was wiederum nicht überrascht, wenn 67 % der Befragten daran glauben, dass Österreich ja wegen der Neutralität nicht in internationale Konflikte hineingezogen wird. Die 70 % der befragten Frauen, die sich einer Verteidigung verweigern, müsste man fragen, wer denn dann die Verteidigung tragen sollte: Die 60 % Männer, die sich nicht verteidigen wollen, werden es vermutlich auch nicht übernehmen. Ja, hier kommen deutlich mangelndes Wissen und Verständnis um Grundpfeiler eines Staatswesens zum Ausdruck, aber natürlich auch der zuvor beschriebene Alltagshedonismus.

Im „Arbeitsprogramm der österreichischen Bundesregierung 2013–2018 – Erfolgreich. Österreich.“ finden wir im Kapitel „Sicherheit und Rechtsstaat“ zum Thema „Sicherheitspolitik“ die geplante Maßnahme: „laufende und umfassende Information der Bevölkerung über sicherheitspolitische Belange“. Die damals erkannte Notwendigkeit, die Bevölkerung zu informieren, wurde jedoch kaum bis gar nicht umgesetzt, und in folgenden Regierungsprogrammen wurde das Thema gleich gar nicht mehr aufgegriffen. Maßnahmen erschöpfen sich meist in populistischem Herbeireden von Ausbildungsreformen, aber völliger Außerachtlassung der Notwendigkeit, Grundlagen für einen Wehrwillen zu schaffen. Der Teufelskreis schließt sich dann, wenn die Politik ihre Investitionen an der Meinung einer unwissenden Mehrheit festmacht, um den scheinbaren Willen des Volkes zu berücksichtigen. Welch fundamentales Bedürfnis allerdings die Sicherheit ist, zeigen die Reaktionen auf den Terroranschlag in Wien. Das Bundesheer ist eine der wenigen Einrichtungen, wo es systemimmanent darauf ankommt, dass man seine persönlichen Wünsche dem Gruppenwohl unterzuordnen hat, nicht zuletzt, um Sicherheit zu produzieren. Dieses unbequeme und unpopuläre Wesen von Streitkräften kann natürlich nur in einer Gesellschaft gedeihen, die diesen Wert als Wert anerkennt und ihn nicht als anachronistisch und unzeitgemäß verteufelt. Ich möchte kein moralisierender Apostel sein, aber irgendwie scheint doch die Zeit gekommen, den vorherrschenden gesellschaftspolitischen Strömungen und Entwicklungen eines ungesunden Egoismus entgegenzuwirken, sonst werden das Leben und das Schicksal eine Triage vornehmen.

Dieser Wächter wurde im „Offizier 4/2020“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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