Der Wächter 1/2021 – Pest oder Cholera? Wehr- und sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 4/3/21

Manchmal ist es nicht das Richtige, das Richtige zu tun.

Die Redewendung über die Wahl zwischen Pest oder Cholera bringt ein Dilemma zum Ausdruck, das sich ergibt, wenn man sich zwischen zwei mehr oder weniger unerquicklichen Optionen entscheiden soll oder muss. Nun, es ist unerquicklich, wenn die Freiheit der Rede scheinbar oder tatsächlich eingeschränkt werden soll, aber dazu gibt es ja ein System der Rechtsprechung, um zu klären, ob es tatsächlich so ist. Es ist aber auch befremdlich, wenn unter dem Titel Meinungsfreiheit Ansichten vertreten werden, die einem friedlichen Diskurs nicht förderlich sein müssen, aufgeheizte Stimmungen eskalieren oder sich vielleicht sogar einer Hetze annähern. Um es gleich vorwegzunehmen: Es soll hier die Regierung nicht verteidigt werden, sie soll aber auch nicht kritisiert werden. Es soll keine Meinung pro oder contra Coronamaßnahmen kundgetan werden und es sollen auch keine Kameraden kritisiert werden, weder jene, die unbedacht sprechen, noch jene, die darauf reagieren müssen. Was hier versucht wird, ist mögliche Maßstäbe für die Haltungen von Offizieren anzusprechen. Da wären einmal die antiken Kardinaltugenden. Marcus Tullius Cicero definiert diese Tugenden als Tapferkeit, Klugheit, Gerechtigkeit und Mäßigung. Natürlich könnte man nun sagen, dass kritische Aussagen von besonderer Tapferkeit zeugen, aber wenn man eine umfassende Betrachtung erwägt, könnte die Tapferkeit im Widerspruch zur Klugheit oder der Mäßigung stehen. Zum Thema Mäßigung sei auch die einprägsame Geschichte von Papst Johannes XXIII. erzählt, der, als er Papst wurde, wegen der Bürde der Verantwortung, die schwer auf ihm lastete, unter Dauerstress stand. Da erschien ihm eines Nachts Gott im Traum und sagte: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“ Im Zusammenhang mit unseren Überlegungen bedeutet das wohl: Nicht alles, was einen bewegt, muss auch öffentlich kundgetan werden. Die Erde hat sich auch schon bewegt, bevor wir in diese Welt eingetreten sind. Auch die Allgemeine Dienstvorschrift des Soldaten kann eine wertvolle Richtschnur für das eigene Handeln sein. Der Soldat hat aufgrund seiner Verantwortung für eine erfolgreiche Landesverteidigung alles zu unterlassen, was das Ansehen des Bundesheeres und das Vertrauen der Bevölkerung in die Landesverteidigung beeinträchtigen könnte. Aufgrund der ihm übertragenen Aufgabe, sein Vaterland und sein Volk zu schützen und mit der Waffe zu verteidigen, steht er in einem besonderen Treueverhältnis zur Republik Österreich. Er ist im Rahmen dieses Treueverhältnisses insbesondere zur Verteidigung der Demokratie und der demokratischen Einrichtungen sowie zu Disziplin, Kameradschaft, Gehorsam, Wachsamkeit, Tapferkeit und Verschwiegenheit verpflichtet. Auch das äußere Verhalten des Soldaten muss der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die der Dienst als Soldat erfordert. Zu einem solchen Verhalten ist der Soldat gegenüber jedermann verpflichtet, gleichgültig ob im oder außer Dienst, ob in Uniform oder in Zivil. Jeder Untergebene ist seinen Vorgesetzten gegenüber zu Gehorsam verpflichtet. Er hat die ihm erteilten Befehle nach besten Kräften vollständig, gewissenhaft und pünktlich auszuführen. Nur Befehle, die gegen strafgesetzliche Vorschriften verstoßen würden, sind nicht zu befolgen.

1932 musste der amerikanische Geschäftsmann Herbert J. Taylor das Unternehmen, für das er arbeitete, vor dem Bankrott retten. In dieser Situation definierte Herbert J. Taylor vier Fragen, mit deren Hilfe jeder Gedanke, jedes Wort und jede Tat zu prüfen wären: Ist es wahr? Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen? – Durch die konsequente Anwendung dieser vier Fragen, bevor man sich äußert, würden sich wohl einige Verhaltensweisen und Aussagen anders gestalten. Ach ja, und dann bleibt noch die Goldene Regel als möglicher Maßstab: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“

Dieser Wächter wurde im „Offizier 4/2020“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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