Der Wächter 2/2021 – Peinlich! Empörend! Degeneriert! Unnatürlich! Wehr- und sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 8/6/21

Ja, alle diese Empfindungen kann man haben, wenn man sich folgende Geschichte zu Gemüte führt.

Ein erschöpfter österreichischer Soldat hat in Österreich, ohne es zu wissen, eine Alarmfahndung verursacht. Der Mann hatte einen angeordneten Orientierungsmarsch mit Waffe und Gepäck vorzeitig beendet und rastete sich an einer Bushaltestelle aus. Ein Passant verständigte die Polizei, dass sich dort ein Mann mit Tarnbekleidung und einer Langwaffe aufhalte. An der darauf ausgelösten Fahndung beteiligten sich auch das Einsatzkommando Cobra und ein Polizeihubschrauber.

Peinlich, empörend, degeneriert, unnatürlich ist jetzt natürlich nicht der Umstand, dass der Soldat seinen Marsch nicht ordentlich beendet hat, und natürlich ist es auch nicht die Bewertung eines sofort ausgelösten Polizeieinsatzes, nein, es ist das bedauerlicherweise vorliegende Unvermögen, „Freund“ und „Feind“ unterscheiden zu können. Offensichtlich ist der natürliche Anspruch, dass ein Staatsbürger seine eigenen Soldaten erkennen kann, zu hoch angesetzt.

Allerdings lässt sich diese inakzeptable Entwicklung auch noch steigern. Denn wenn dann ein Soldat doch als eigener erkannt wird, wird sein dienstlich begründetes Waffentragen vielleicht auch noch als grobe Unverhältnismäßigkeit bezeichnet. Zugegeben, ich habe mich auch schon gefragt, ob es denn wirklich sein muss, dass ein Polizist, der morgens den Schutzweg für die Kindergartenkinder regelt, wirklich eine Pistole tragen muss. Ich habe das dann den nachfragenden Kindern immer so erklärt: Polizei und Militär sind zu unserem Schutz da. Wenn etwas passiert, was wir nie ausschließen können, dann müssen sie in der Lage sein zu handeln, deswegen bezahlen wir sie. Der diensttuende Notarzt bei einer Veranstaltung holt auch nicht erst dann seine Ausrüstung von zu Hause, wenn schon jemand zusammengebrochen ist, sondern er hat sie bereits mitzuführen.

Das Befremdliche an diversen Ansichten ist, dass das Waffentragen der Polizei als naturgegeben akzeptiert wird, währenddessen man das bei einem Soldaten, wenn er den gleichen Dienstauftrag wie der Polizist erfüllt, in Frage stellt. Betrachten wir uns einmal die Aussagen eines erwachsenen Mannes in Österreich (Zitat aus Datenschutzgründen leicht verändert): „Meine keineswegs überängstliche Frau empfindet den Anblick eines Gewehrkolbens vor der Nase beim Öffnen des Autofensters nicht nur irritierend, sondern als wirklich bedrohlich.“ Schließen wir einmal hypothetisch aus, dass es sich bei dieser Aussage um eine Provokation handelt. Woher kommt also – mitten in Europa – eine Angst vor dem eigenen Soldaten und dem Kolben eines Gewehrs einer Ordnungskraft, das dieses am Rücken hängen hat? Naja, nicht zuletzt kommt es natürlich auch vom ideologisch bedingten Diabolisieren der Waffen. Man tut ja so, als ob die Waffe selbstständig Böses im Schilde führt, weswegen sie verboten gehört. Als natürlich veranlagter Mensch weiß man aber, dass ein allfälliges Problem nicht in der Waffe liegt, sondern in dem Menschen dahinter. Aus diesem Grund gibt es auch klare Regelungen, wer unter welchen Umständen eine Waffe erwerben oder führen darf. Polizei und Militär sind hier natürlich klar legitimiert, und allein aus dem Führen der Waffe ergibt sich auch sicher keine Unverhältnismäßigkeit.

Grotesk sind dann noch Aussagen, dass das Waffentragen der Soldaten die Demokratie ins Wanken bringe. Vermutlich handelt es sich hierbei um unreflektierte Antizipation von Nachrichten über Militärputsche in anderen Teilen der Welt.

Das Traurige bleibt aber, dass es Leute gibt, die sich selbst womöglich als intellektuell hochstehend betrachten, aber nicht in der Lage sind, natürliche Sachverhalte wie Gut und Böse klar zu erkennen – oder wollen sie es ganz einfach nicht? Es wäre wirklich wünschenswert, dass bewaffnete eigene Kräfte auch in Österreich eine Erhöhung des Sicherheitsgefühls bringen und nicht eine hysterisch behauptete Unsicherheit.

Dieser Wächter wurde im „Offizier 2/2021“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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