Der Wächter 3/2021 – Afghanistan – ein Drama Wehr- und sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 11/9/21

Es wird immer erschütternd sein, einen Partner oder eine Partnerin, einen Sohn oder eine Tochter zu verlieren. In einem bewaffneten Konflikt wird hierbei auch meist der biologische Lebensverlauf durch die Umstände der Kampfeinwirkung stark verkürzt und trifft daher mit zusätzlicher Wucht. Hierbei macht es aus menschlicher Sicht auch keinen Unterschied, auf welcher Seite das Drama passiert. Zum Unterschied vom Tier, das Leid nur erleben und durchleben kann, besitzt der Mensch den Verstand, sein Schicksal einordnen zu können. Die Palette an Ordnungs- und Erklärungsparametern ist dabei groß: vom Kollateralschaden über die bekannte Feststellung „zur falschen Zeit am falschen Ort“ bis hin zum Versagen der Politik am Rücken der Menschen oder gar der Gewinnsucht des industriell-militärischen Komplexes (mit und ohne Beteiligung von Politikern) oder auch das unreflektierte Folgen einer Ideologie oder Religion, die als gedankliche Boxen verwendet werden können, in die man das Geschehen im Anlassfall einordnen kann. Allerdings mindert das Verstehen in keiner Weise das Leiden. Schwierig wird die mentale Einordnung allerdings dann, wenn das Ziel, weswegen man sich der Gefahr ausgesetzt hat oder sich aussetzen musste oder ausgesetzt wurde, nicht erreicht wird. Wer hat nun seine Ziele in Afghanistan erreicht und wer nicht? Wessen Opfer lassen sich – sofern so ein Gedanke zulässig ist – besser legitimieren? Die aktuellen Geschehnisse machen wieder einmal klar, wie komplex, aber auch unnötig und leidvoll Konflikte sind, in denen Menschen sterben müssen. Zu warnen ist aber auch vor zu einfachen Erklärungen. Zu solchen kann man Aussagen zählen wie: Man muss dorthin und ist hier, weil das Terroristen sind und man dort seine eigene ferne Heimat verteidigen kann. Man kämpft verbissen und opferreich, weil die feindlichen Truppen das Land angegriffen haben und Besatzer sind, deren Kultur man nicht übernehmen will. Man bestraft Menschen, weil sie mit dem Feind zusammengearbeitet haben (ein Argument, das beide Seiten als Legitimation verwenden). Man muss denen die Demokratie bringen. Der Mohnanbau ist unsere Lebensgrundlage. Das dortige Militär hat sich kampflos ergeben oder ist geflüchtet. Eine Drohne hat die Hochzeitsgesellschaft meines Sohnes ausgelöscht. Mein Vater war im eingestürzten Turm. Eine Frau hat nicht dieselben Rechte wie ein Mann. Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass die Argumente einmal der einen und dann der anderen Seite zuordenbar sind. Natürlich sind diese Argumente auch nicht vollzählig, aber sie werden immer als Teil der Legitimation des Handelns der jeweiligen Seite verwendet und eingesetzt. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es mir als Angehöriger eines Soldaten zumute wäre, der dort gefallen ist. Ein Vater, eine Mutter, eine Ehefrau, Kinder, die geglaubt haben, dass ihr Sohn, ihr Ehemann, ihr Vater, fern der Heimat für legitime Ziele gedient oder sogar gekämpft hat – und nun das?!

Gott sei Dank ist kein österreichischer Soldat in Afghanistan gefallen. Nur, auch der stattgefundene Einsatz österreichischer Soldaten für das sichere Durchführen von freien und demokratischen Wahlen mutet nun seltsam an, wo es eben keine Freiheit gibt, wo die Vergeltung für Zusammenarbeit mit dem Feind der bestimmende Faktor ist und wo mühsam erreichte Erleichterungen für Frauen nachhaltig auf der Strecke bleiben. Bemerkenswert ist das Schweigen unserer Gesellschaft – oder sagen wir besser, eines bestimmten, üblicherweise lauten, Teils unserer Gesellschaft – zum Thema Frauen in Afghanistan und deren Schicksal. Es wurde zwar selten bis nie etwas aus der Geschichte gelernt, aber eines kann man mit Sicherheit sagen, unsere Sicherheit baut darauf auf, dass unsere gewachsenen Gesetze und unsere Regeln des toleranten Zusammenlebens ausschließliche Gültigkeit haben und behalten. Nur, dafür muss man aber auch etwas tun, nämlich klar verhindern, dass jene Umstände, die man woanders als unerträglich bezeichnet, sich hier in irgendeiner Weise entfalten können.

Dieser Wächter wurde im „Offizier 3/2021“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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