Der Wächter 1/2022 – Achtung – sicherheitspolitische Satire! Wehr- und Sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 4/3/22

Während es in Österreich Leute gibt, deren Tageshöhepunkt in der Diskussion über den neuen Tarnanzug des Bundesheers liegt und in der nervenzerfetzenden Frage, ob denn dieser auf einer Pressekonferenz zu tragen wäre, und während es Leute gibt, deren Lebensmittelpunkt in der Ablehnung einer wissenschaftlich nachgewiesenen positiven Wirkung von Schutzimpfungen liegt, und während es Leute gibt, die im persönlichen Ringkampf mit der FFP2-Maske stehen und die damit verbundene Tragepflicht als Inbegriff der Einschränkung ihrer verfassungsmäßigen Grundrechte sehen, gibt es – nicht allzu weit entfernt – Krieg! Dort gibt es Leute, die klassische Militäroperationen im konventionellen Waffeneinsatz durchführen, die mit Marine und Luftwaffe provozieren, die Truppen verlegen und in Telefonkonferenzen über den Atlantik hinweg Einflusssphären für eine Welt festlegen, wie sie sie sehen. Nach jahrzehntelangem Abrüsten in Europa stellt man hier nun überrascht fest, dass man außer der Drohung, jemanden vom internationalen Bankenkommunikationsnetz auszuschließen, nicht viel aufbieten kann, um die territoriale Unversehrtheit heutiger Staatsgrenzen sicherstellen zu können. Aber wahrscheinlich ist man gar nicht überrascht, man hat sich ja inzwischen an den wehrlosen Zustand gewöhnt und glaubt wirklich, dass die zahnlose Androhung von Sanktionen, die nach dem allfälligen Wirksamwerden früher oder später ohnehin wieder aufgehoben werden, abhaltende Wirkung bei der Umsetzung von strategischen Ideen hat. Mit der rauschartigen Selbstdemontage der Verteidigungsinstrumente Europas hat man auch das sicherheitspolitische Denken deformiert. Auch uns in Österreich hat man vor fast 20 Jahren vollmundig erklärt, dass man abrüsten kann, dass man die Friedensdividende ausschütten muss und dass es eine mindestens zehnjährige Vorlaufzeit für eine Veränderung dieser Situation gäbe. Frage: Was muss (jetzt noch) passieren, dass die zehnjährige Vorlaufzeit zu ticken beginnt? Diejenige Vorbereitungszeit, in der man durch Investition in Streitkräfte einem potenziellen Gegner die Abenteuerlust vergällt. Das Bild von der EU als wirtschaftlicher Riese, aber sicherheitspolitischem Zwerg bewahrheitet sich täglich von Neuem, denn wer seinen Garten nicht einzäunen kann, wird auch seinen Wohlstand und seine Demokratie nicht schützen können und bald kein wirtschaftlicher Riese mehr sein. Dieses Bild, Haus und Zaun, aus früheren wehrpolitischen Zeiten trieft vor Lebensweisheit und unterliegt mit seiner zeitlosen Gültigkeit nicht dem modernistischen Wandel von Friedensutopien. Sogar der Igel fällt einem wieder ein, der ein stacheliges Tier ist, weswegen geraten wird, ihn nicht anzurühren – ein wohl treffliches Bild für Abhaltewirkung. Aber während der nackte Igel, pardon, ich meinte das EU-Parlament, mit der strategischen Problematik der Warnhinweise auf Bier und Wein beschäftigt ist, die nach enormem Arbeitseinsatz doch nicht beschlossen wurden, ist es wieder einmal der atlantische Partner, der durch die Verlegung seiner Truppen den Eindruck von Sicherheit für Europa vermittelt. Wobei wir da ja zu einer anderen Groteske des degenerierten Sicherheitsverständnisses von friedensbewegten Träumern kommen, die sich fürchten, wenn sie Waffen oder Uniformierte sehen. Es gibt Länder, in denen das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung steigt, wenn es seine eigenen Soldaten sieht, und es gibt unser Land, wo es weit verbreitet ist, keinerlei Wertschätzung für die eigenen Soldaten zu haben, weil man sich, als selbst erwählter Intellektueller, nur mit waffenlosem Frieden beschäftigen möchte. Man hat verlernt, die Intention eines bewaffneten Einsatzes richtig einzuschätzen, und es macht immer wieder fassungslos, wie sehr jegliches Verständnis dafür fehlt, was es bedeutet, dass man kämpfen können muss, um nicht kämpfen zu müssen. Der Ukrainekonflikt zeigt es uns gerade wieder sehr deutlich, dass das Umsetzen von strategischen Absichten dadurch bestimmt wird, wie viel Militär hinter der jeweiligen politischen Absicht steht. Aber vergessen Sie alles, es war nur eine Satire!

Dieser Wächter wurde im „Offizier 1/2022“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

Powered by Martin HEINRICH