Der Wächter 3/2022 – Und was tut sich bei uns – auf der Insel der Seligen?

Wehr- und Sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 8/9/22

Nehmen wir einmal an, dass die hohen Panzerverluste im Ukrainekrieg für unsere allfällige Verteidigung von Vorteil sind, denn es können im Moment nicht (mehr) so viele Panzer kommen. Nehmen wir an, dass das auch für die Artillerie gilt. Nehmen wir weiters an, dass für die noch vorhandenen österreichischen Kampf-, Schützen- und Artilleriepanzer sowie andere schwere Waffen genügend Munition vorhanden ist, um mehr als nur einen Kampftag zu bestreiten. Nehmen wir auch für die Panzerabwehrwaffen an, dass die Lenkwaffen nicht am Ende ihrer Lebensdauer sind und dass wir auch hier mehr Waffen und Munition haben, als man zum Abdecken der Ausbildung bräuchte. Nehmen wir weiters an, dass unsere durch politische Fehlentscheidungen stark reduzierte und in der Qualität nur bedingt genügende aktive und passive Luftraumüberwachung auch in kommenden Zeiten ausreichend dotiert werden kann, ja angesichts der sicherheitspolitischen Umwälzungen vielleicht sogar doch auch gestärkt wird. Nehmen wir an, dass wir es schaffen, die staatliche und die militärische Kommunikation auf allen Ebenen jederzeit aufrechtzuerhalten und gegen elektronische Kampfführung und Cyberattacken abzusichern. Nehmen wir an, dass die Funkausstattung der Truppe und der einzelnen Soldaten qualitativ, aber auch quantitativ den Anforderungen eines modernen Gefechts entspricht und dass alle Soldaten ausreichend mit Schutzausrüstung ausgestattet werden können. Nehmen wir an, dass wir ausreichend Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren haben, die nicht zu einer Ladestation müssen, denen aber auch nicht die Zusatzstoffe ausgehen und die auch nicht mit einer Tankkarte bei einer zivilen Tankstelle stauen müssen. Nehmen wir an, dass wir genügend feldverwendungsfähige Soldaten haben, die auch in allen erforderlichen Einsatzarten und Gefechtstechniken ausgebildet und durch verpflichtende Übungen, auch nach dem Präsenzdienst, zusammengespielt sind, also keine Rekruten, die erst die Grundbegriffe von all dem lernen. Nehmen wir an, dass wir über eine ausreichende Zahl und über Qualitäten von Drohnen verfügen, die es uns erst ermöglicht, in einem modernen Einsatzszenario zu bestehen. Nehmen wir an, dass das schon mehrfach angedachte Konzept von autarken Kasernen flächendeckend umgesetzt ist, dass dezentral gekocht, repariert und getankt werden kann, dass auch die Munitionsversorgung, die Sanitätsversorgung, die Stromversorgung und die Wasserversorgung dezentrale Autarkie ermöglichen. Nehmen wir an, dass wir unsere Truppen auch über unsere eigenen Flüsse übersetzen können, wenn Brücken zerstört sind und dass wir ausreichend Hubschrauber haben. Nehmen wir an, dass wir Fliegerangriffen nicht völlig schutzlos ausgesetzt sind, ja, dass wir sogar über eine ausreichende Fliegerabwehr verfügen, die nicht nur auf kurze Distanz hinter einem Flugzeug nachschießen kann, das seine Raketen und Bomben bereits eingesetzt hat, sondern auch in große Höhen wirken kann, ja, dass wir vielleicht sogar Städte schützen könnten. Denn wenn man schon die Panzerschlacht ausschließen möchte, weil wir ja von Freunden umgeben sind, was sich aber auch als fataler Irrtum darstellen könnte, sollte man wenigsten ernst nehmen, dass man nicht durch Marschflugkörper und Luftangriffe gefährdet oder durch angedrohte Luftangriffe erpressbar ist. Nehmen wir an, dass wir nicht nur zu einer bundesbeschafften Drohnenabwehr in der Lage sind, wie sie der Polizeidienst erfordert, sondern dass wir auch militärisch relevante Drohnen abwehren können, insbesondere wenn diese Kamikazeabsichten gegen militärische Ziele verkörpern. Nehmen wir an, dass auch unsere Abwehr atomarer, biologischer und chemischer Bedrohungen funktioniert. Wenn also alle diese Annahmen zutreffend wären, dann wären dies die erforderlichen Fähigkeiten für die militärische Landesverteidigung, eine Aufgabe, die die Bundesverfassung dem Bundesheer zuordnet. Ich überlasse es aber jetzt den Experten, intern einen Soll/Ist-Vergleich anzustellen, denn eine öffentliche Abhandlung dazu könnte wegen meist erschütternder Tatbestände als Nestbeschmutzung oder gar Landesverrat ausgelegt werden.

Dieser Brief des Präsidenten wurde im „Offizier 3/2022“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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