Der CIOR Late Summer Congress 2020 im Rückblick Interview mit Hauptmann Patrick Jaritz

Mit pandemiebedingter Verspätung fand der traditionelle Sommerkongress der Interalliierten Reserveoffiziersgesellschaft (CIOR) heuer vom 27.09. bis 02.10. in Tallinn und erstmals auch online statt. In Vertretung von Österreichs CIOR-Vice President (VP) Brigadier Erich Cibulka war Assistant Secretary General (ASG) Hauptmann Patrick Jaritz vor Ort. Das gesamte Interview mit dem „Offizier“ finden sie hier.

  • Herr Hauptmann, was ist der Zweck von CIOR? 

CIOR stärkt die Rolle der nationalen Interessenverbände gegenüber der NATO und zugleich diese auf nationaler Ebene als internationaler Multiplikator für sicherheits- und verteidigungspolitische Interessen. 

  • Welche Aufgaben umfasst ihre Funktion als ASG? 

In erster Linie fungiert der ASG als rechte Hand des VP. Ich übernehme koordinative und administrative Aufgaben, behalte die Kommunikation aller Stakeholder im Überblick (etwa Aussendungen des CIOR-Präsidiums oder von Committee Chairs) und lege in Abstimmung mit dem VP Kommunikationsthemen fest (z.B. eine Zusammenfassung des Einsatzes der Miliz im Rahmen von Corona). Auch Beratung und Informationsgewinnung für den VP ist eine Hauptaufgabe. Es geht z.B. darum zu identifizieren, welche (geo)politischen Themen für welche Mitgliedsländer relevant sind, welche Koalitionen sich zu bestimmten Abstimmungsthemen bilden oder auch wie andere Staaten aktuelle militärische Entwicklungen einschätzen. Und natürlich vertritt man den VP bei dessen Verhinderung. 

  • Was passiert eigentlich im CIOR-Council, also dem Präsidium?

Der Council lenkt die Tätigkeiten und das Wirken der Organisation und der einzelnen CIOR-Committees (Cyber, CIMIC, Young Officers,…). Hier wird auch die Zusammenarbeit mit dem NATO National Reserve Forces Committee (NRFC) koordiniert. Ziel ist es, über den guten Kontakt zu den NATO-Gremien die Interessen von Reservisten international zu vertreten, denn im NRFC sind nur die Ministerien – auch Österreich hat dort Beobachterstatus – vertreten. CIOR stärkt also die Rolle der nationalen Interessenverbände gegenüber der NATO.

  • Wie sehen Sie die britische CIOR-Präsidentschaft im Rückblick? Was erwarten Sie vom Nachfolger Deutschland?

Die Briten waren sehr ambitioniert und haben sich hohe Ziele gesteckt. Ich finde, das Ergebnis verdient hohe Anerkennung. Es wurden in den letzten vier Jahren einige grundlegende Meilensteine für die Organisation gelegt. Die gestiegene Bedeutung der Reserve innerhalb der NATO – nicht zuletzt aufgrund jüngster Konflikte – haben den Erfolg mancher Projekte sicherlich begünstigt. Reservekräfte werden zudem in den kommenden Jahren vermehrt als strategisches Element eingesetzt. Ein britisches Kernanliegen waren daher auch Konzepte zur Gewinnung und Ausbildung junger Offiziere – meiner Meinung nach mit bemerkenswerten Resultaten.

Das deutsche Präsidentschaftsteam tritt nicht minder engagiert an, um unter dem Motto “Resilience and Visibility of our Reserves” ein breites Themenfeld voranzubringen. Zur Übernahme der Präsidentschaft haben die Deutschen klar ihre Haltung zum Ausdruck gebracht: “Stronger together”. Dahinter steht die Überzeugung, dass alle davon profitieren, wenn man die gemeinsamen Ziele erkennt, diese gemeinschaftlich verfolgt und zusammensteht, anstatt sich in nationalen Eigeninteressen zu ergehen. Ich kenne die deutsche Mannschaft und habe großen Respekt vor der breiten militärischen und zivilen Expertise. Ich denke, dass auch Österreich etwas dazu beitragen wird.

  • “Junge Offiziere” waren also ein zentrales Thema der letzten Jahre. COVID-19 kam heuer dazu. Wie steht Österreich hier im Vergleich zu anderen Nationen da?

Nachwuchsgewinnung betreffend Führungskräfte genießt in vielen Ländern eine hohe Priorität. Hintergrund ist, dass in einer zunehmend komplexen, unsicheren und konfliktreichen Welt die kommenden Generationen mit wesentlich diffizileren Problemen umgehen können müssen. Meiner Meinung nach ist Österreich hier bereits gut aufgestellt. Junge Offiziere zu internationalen Veranstaltungen zu schicken, ist jedenfalls ein unerlässlicher Bestandteil dafür – das könnte noch weiter ausgebaut werden.  

 

Beim Thema Bewältigung der Pandemie steht Österreich internationalen Partnern um nichts nach. In etlichen Nationen war die Aktivierung der Reserven alternativlos und hat sich sich als effektive Methode zur Krisenbewältigung bewährt. Der Aufbietungsvorgang war bei einigen Nachbarn sicher effizienter und schneller, aber das wird hoffentlich in Österreich unter Lessons learned verbucht.

  • Reisen in Corona-Zeiten ist nicht gerade en vogue. Warum glauben Sie, dass es nach wie vor die physische Präsenz bei solchen Events braucht?

Im politischen und militärdiplomatischen Umfeld werden viele Entscheidungen nicht in der Sitzung getroffen, sondern in zahlreichen bilateralen Besprechungen davor. Solche Gespräche finden im Vorfeld statt, sehr oft im informellen Austausch. Das ist insofern üblich, da bei komplexen Themen mit unterschiedlichen Interessen wesentliche Aspekte zuerst im geschützten Rahmen besprochen werden wollen. Das Setting dafür lässt sich nur schwer über fernmündliche Verbindungen herstellen. Will man bei relevanten Themen also nicht außen vor gelassen werden, kommt man um ein physisches Treffen oft nicht umhin. Man kann sicher vieles über Telekonferenzen besprechen, die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ist in manchen Bereichen aber unersetzlich. Möglicherweise wird sich in den nächsten Jahren hier auch eine kulturelle Anpassung vollziehen.

  • Eine letzte Frage: Wie wird man eigentlich Assistant Secretary General?

Die Kriterien zur Ernennung zum ASG sind nicht formal festgelegt. Je nach Bedeutung dieser Funktion in den einzelnen MItgliedsländern werden unterschiedliche Maßstäbe an die Auswahl gelegt. Die Dienstgrade eines ASG reichen je nach Nation von Leutnant bis Oberst. Üblicherweise hat man vor der Ernennung zum ASG schon mehrere Jahre an CIOR-Veranstaltungen teilgenommen, kennt die Gepflogenheiten, Abläufe und Rollen und hat in aller Regel auch das Seminarangebot für Young Reserve Officers absolviert. Als rechte Hand des Vice President eines Landes wird man jedenfalls von diesem ausgewählt.

  • Herr Hauptmann, danke sehr!  

 Eine gekürzte Fassung des Interviews erschien im Offizier 4/2020 auf Seite 21. 

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