Brief des Präsidenten – 65 Jahre Österreichische Offiziersgesellschaft

Wehr- und Sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 12/12/25

Wir feiern heuer ein stolzes Jubiläum: 65 Jahre ÖOG. Ein Meilenstein, der uns innehalten lässt, um zu würdigen – und zugleich vor Augen führt, warum unsere Aufgabe weiterhin so wesentlich ist.

Emil Liebitzky – Gründungsvater des Bundesheeres und der ÖOG

An erster Stelle gebührt unsere Dankbarkeit einem Mann, dessen Leben und Wirken das Fundament sowohl des modernen Bundesheeres als auch der ÖOG legt: General der Artillerie Dr. Emil Liebitzky.

Liebitzky wurde am 5. Oktober 1892 als Sohn eines Offiziers geboren, absolvierte die Technische Militärakademie in Mödling und wurde 1913 zum Leutnant ausgemustert. Im Ersten Weltkrieg diente er an unterschiedlichsten Fronten und errang den Rang eines Majors. Nach dem Kriegsende wurde er ins erste Bundesheer übernommen, studierte parallel zum Dienst Staatswissenschaften und promovierte 1923. In der Zwischenkriegszeit war er Adjutant des Heeresministers Carl Vaugoin – eine Schlüsselrolle im jungen Heer.  Von 1933 bis 1938 diente er – inzwischen bereits Oberst – als Militärattaché in Rom, wo er sich aktiv für die Unabhängigkeit Österreichs einsetzte. Die Folgen trug er nach dem Anschluss 1938: Er wurde mit gekürzten Bezügen pensioniert.

Nach dem Krieg wurde er zum Begründer der B-Gendarmerie und zentralen Akteur beim Aufbau des Bundesheeres. Er war Leiter des Amtes für Landesverteidigung im Bundeskanzleramt und wurde zum General der Artillerie befördert. In dieser Funktion war er für zahlreiche entscheidende Bereiche verantwortlich: Personal, Ergänzung, Sanitätswesen, Budget, Disziplinarrecht, Nachrichtendienst, Attachéangelegenheiten. Sein Ziel war die Verankerung des Heeres in einer demokratischen Gesellschaft.

Liebitzky war ein Visionär und sah in der ÖOG einen essenziellen Brückenschlag zwischen Militär und Zivilgesellschaft. Ab 1956 trieb er die Gründung von Landesgesellschaften voran. Schließlich wurde am 26. Jänner 1960 die ÖOG als Dachverband konstituiert und er zum ersten Präsidenten gewählt.

In der kurzen Amtszeit bis zu seinem Tod am 12. April 1961 prägte Liebitzky die Ausrichtung der ÖOG entscheidend. Er verstand sie nicht nur als kameradschaftlichen Verein, sondern als intellektuelle Plattform, als Ort der sicherheitspolitischen Reflexion, der Weiterbildung und des Austauschs. Sein Lebensweg – von der k.u.k.-Akademie über die Weltkriege bis zum Wiederaufbau Österreichs – macht ihn zu einem echten Gründungsvater, nicht nur des Bundesheeres und der ÖOG, sondern der sicherheitspolitischen Zivilgesellschaft in Österreich.

Der Erlass von Verteidigungsminister Ferdinand Graf

Bereits vor der offiziellen Gründung der ÖOG hatte die Republik die Bedeutung der Offiziersgesellschaften erkannt und institutionalisiert: Am 12. Juni 1959 unterzeichnete Minister Graf einen Erlass, der die ÖOG als zentrale Säule zur „Vertiefung des Wehrgedankens“ und zur „Festigung der österreichischen Landesverteidigung“ bezeichnete. Dies war kein bloßes Lippenbekenntnis. Er verpflichtete das BMLV und die hohen Kommanden zur Förderung und engen Zusammenarbeit mit der ÖOG, damit diese ihre statutarischen Ziele erreichen kann.

Man darf sagen: Dieser politische Weckruf war die Blaupause für die enge Verschränkung von zivil-militärischem Netzwerk und sicherheitspolitischer Bildung – ganz in dem Geist, den Liebitzky mit der ÖOG verwirklichen wollte.

Das „sicherheitspolitische Gewissen der Republik“ und die Volksbefragung 2013

In den Jahrzehnten seither hat sich die ÖOG als sicherheitspolitisches Gewissen der Republik etabliert. Dieses Motto ist nicht nur innere Selbstvergewisserung. Es ist nach außen kommuniziert und damit Anspruch und Aufgabe zugleich.

Nirgends zeigte sich diese Rolle deutlicher als in den Jahren 2010 bis 2013, als die Abschaffung der Wehrpflicht ein heiß umstrittenes Thema war. Viele politische Akteure betrachteten sie als veraltetes Relikt des Kalten Krieges. In dieser Situation agierte die ÖOG mit großer Bestimmtheit: Sie warnte nüchtern, sie mahnte und mobilisierte intensiv. Sie forderte aber auch Verteidigungsminister Darabos zum Rücktritt auf und unterstützte General Entacher.

Dieses Engagement war mitentscheidend dafür, dass am 20. Januar 2013 die Volksbefragung mit einem klaren Votum für den Erhalt der Wehrpflicht endete. Die ÖOG erfüllte damit nicht nur eine zivilgesellschaftliche Funktion, sondern trug aktiv zur Bewahrung eines tragenden Pfeilers unserer Landesverteidigung bei.

Führungsrolle in der Plattform „Wehrhaftes Österreich“

Die ÖOG ruht sich nicht auf ihrer Geschichte aus – sie agiert weiter, mit Weitblick und Verantwortungsgefühl. Ein zentrales Element ist dabei ihre Mitwirkung bei der Gründung der Plattform Wehrhaftes Österreich, dem Dachverband der wehrpolitischen Vereine – mit inzwischen über 20 Vereinen und ca. 250.000 Mitgliedern tatsächlich die „größte Lobby für das Bundesheer“.

In diesem Dachverband nimmt die ÖOG seit Beginn eine führende Rolle ein: Sie ist Stimme, Koordinatorin, Impulsgeberin. Sie verknüpft mit ihrer Leitveranstaltung – dem Tag der Wehrpflicht – politische Entscheidungsträger, Fachexperten, militärische Netzwerke und sicherheitspolitische Bildung der Öffentlichkeit. In Zeiten, in denen sicherheitspolitische Debatten oft verkürzt oder populistisch geführt werden, ist diese Plattform ein Ort der Vernunft und der Kontinuität.

Partnerschaften im In- und Ausland

Ein weiterer Beleg für die strategische Weitsicht der ÖOG sind ihre Partnerschaften auf nationaler und internationaler Ebene:

Die Verbindung zur Theresianischen Militärakademie ist tief und historisch begründet. Am 14. Dezember 2020 formalisierte die ÖOG ihre Partnerschaft mit der MilAk als sichtbares Zeichen dafür, dass die Offiziersgesellschaft nicht nur Rückhalt des Offizierskorps, sondern auch Partner in der Offiziersausbildung ist.

Die Partnerschaft mit dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr steht für grenzüberschreitende wehrpolitische Solidarität. In einer Zeit, in der sicherheitspolitische Herausforderungen zunehmend international sind, ist der Austausch mit den deutschen Kameraden strategisch und nachbarschaftlich bedeutsam.

Seit dem PfP-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 ist die ÖOG Mitglied der Confédération Interalliée des Officiers de Réserve (CIOR). Über CIOR pflegt die ÖOG Beziehungen zu Reserveoffizieren in 30 NATO- und PfP-Staaten, nimmt an internationalen Kongressen teil, ermöglicht jungen Offizieren den Blick über den Tellerrand und bringt österreichische Perspektiven in multilaterale Debatten ein.

Diese Partnerschaften zeigen: Die ÖOG ist nicht nur national verankert, sondern international vernetzt. Damit stärkt sie das sicherheitspolitische Gewicht Österreichs – und unterstützt gleichzeitig die europäische Zusammenarbeit.

Fazit

Im Rückblick sehen wir die visionäre Tatkraft von Emil Liebitzky, die sich auch im Verfassungsgrundsatz der „Umfassenden Landesverteidigung“ ausdrückt, und die Weitsicht jener, die verstanden haben, dass eine Offiziersgesellschaft mehr sein muss als ein Kameradschaftsverein. Wir sehen auch heute eine ÖOG, die ihre Rolle als Mahnerin, Mittlerin, Impulsgeberin wahrnimmt – im nationalen wie im internationalen Kontext.

65 Jahre sind kein Endpunkt, sondern ein Auftrag: Der Auftrag, unsere sicherheitspolitische Stimme weiter zu erheben, unsere Netzwerke zu pflegen, unsere demokratische Verantwortung zu leben. Möge das Vermächtnis Liebitzkys uns ermutigen, die ÖOG weiter stark, wachsam und würdevoll zu gestalten – für die Republik und das Bundesheer, für Österreichs Sicherheit heute und in der Zukunft.

Mag. Erich Cibulka, Brigadier
Präsident der Österreichischen Offiziersgesellschaft

Anmerkung: Dieser Artikel folgt der Ansprache des Präsidenten beim Festakt am 28.11.2025

Dieser Brief des Präsidenten wurde im „Offizier 4/2025“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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