Der Offizier Online Nr. 3, September 2026
Streitkräfte haben in fast jedem Staat relativ klar umschriebene Kompetenzen, für welche Art von Gefahren sie im Anlassfall zuständig sind. Der sogenannte „Hybride Krieg“ schafft hier ein neues Szenario, welches auch bei einer noch so weiten Auslegung der gesamtstaatlichen Kompetenzzuordnung keine klare Verantwortungszuweisung auf eine konkret zur Handlung verpflichtete Organisation möglich macht. Im Klartext gesprochen und dabei im Speziellen die Situation in Österreich berücksichtigend muss man sich die Frage stellen: „Dürfen die Streitkräfte im Frieden ohne konventionelle Bedrohung von außen, aber bei Cyberangriffen und Dohnenangriffen jeder Art auf staatliche Einrichtungen außerhalb des Bundesheeres einen totalen Cyberkrieg und einen Abwehrkampf gegen einen Cyberfeind oder gegen Drohnen führen?“ Rechtlich wird dies wohl zu verneinen sein, da hier andere staatliche Organisationen dafür zuständig sind und das Bundesheer nur nach Anforderungen dieser Stellen wirksam werden darf.
Heute sehen wir, dass nahezu alle Lebensbereiche vom Cyberkrieg und von Drohnen betroffen sein können. Destabilisieren der Ruhe und Ordnung und das Erzeugen von Unsicherheit jeder Art ist eine der Hauptaufgaben des unsichtbaren Feindes, der sich dieser Wirkmittel bedient und der noch dazu nicht eindeutig aufklärbar ist. Man weiß nicht genau, ob der Feind weit weg, beispielsweise 9000 km irgendwo in Nordkorea sitzt, oder nur knapp 600-800 km im Osten von Europa oder vielleicht sogar im Land selbst seine Kommandozentrale mit allen erforderlichen technischen Einrichtungen aufgebaut hat. Es ist wohl anzunehmen, dass es auch in Österreich jede Menge Schläferzellen gibt. Die Nachrichtendienste des Bundesheeres machen hier sicher eine großartige Arbeit und haben viele dieser potenziellen Gefahren lokalisiert, ohne dass dies das Gegenüber bemerkt.
Experten im Sicherheitsbereich, darunter auch aktive und pensionierte hochrangige Offiziere, sprechen heute davon, dass Russland in absehbarer Zeit nicht einen großen Angriff auf die NATO vorhat, jedoch den destabilisierenden Cyberangriff auf Westeuropa weiter forcieren wird. Sie nehmen aber auch an, dass in Staaten, die eine große russische Minderheit haben, etwa Lettland, Estland und Moldawien, auch konventionelle Angriff unter tatkräftiger Hilfe der Minderheiten im Lande durchgeführt werden können.
Österreich liegt, umgeben von befreundeten NATO-Staaten im Norden, Osten und Süden und von den befreundeten neutralen Staaten Liechtenstein und Schweiz im Westen, im Herzen Europas und von Russland (die Exklave Kaliningrad ausgeschlossen) doch mehr als 1000 km entfernt. Kein gerade atemberaubendes Szenario, um der Bevölkerung zu erklären, wir sind jetzt genauso bedroht wie zu Zeiten des Kalten Krieges als damals der Warschauer Pakt direkt an Österreich grenzte. Und bei der weiteren Entwicklung des Krieges in der Ukraine, so wie jetzt, würden die Russen noch Jahre benötigen, um an die Grenze zu Ungarn zu kommen, welche dann immerhin noch etwa 500 km von der Grenze Ungarns zu Österreich entfernt liegt, also eine Entfernung von Wien bis nach Bregenz in der Luftlinie.
Aber was tun, wenn es unklare Bedrohungsszenarien und unklare Zuständigkeiten für eine Abwehr gibt? „Das gewisse Etwas“ zu beschreiben und dann gezielt zu bekämpfen ist eben schwierig, wie schon der ehemalige Bundeskanzler Fred Sinowatz, mit einer unlösbaren Situation konfrontiert, gemeint hat.
Der Autor dieser Zeilen ist bei weitem kein Experte, aber er macht sich so seine Gedanken in der Rubrik „Lösungen für Probleme suchen mit dem Hausverstand“. Wie umfassende negative Einflüsse auf das Leben bei der Beherrschung dieser Einflüsse innovative Konzepte erfordern, ist es auch mit umfassenden negativen Einflüssen auf Staaten zu sehen. Der „Hybride Krieg“ war zu Zeiten des „Kalten Krieges“ für mich Altklugen noch kein Thema. Damals gab es aber bereits eine Art Kultbuch vom Schweizer Offizier Major von Dach „Der Totale Widerstand“, welches die Schweizer Bevölkerung auf alle Eventualitäten vorbereiten sollte. Genauso etwas benötigen wir heute auch wieder, allerdings mit einem anderen Inhalt. Hierzu meine Vorstellungen für eine allumfassende Gefahrenabwehr im neuen Hybriden Krieg. Mir ist als Soldat schon klar, dass, derjenige, der alles sichern will, eigentlich nichts sichert, aber dennoch kann man gegen diese Art neuer Gefahren weitreichende Vorbereitungen treffen. Zwei Bereiche möchte ich hier besonders hervorheben, den Cyberwar und die Drohnen als allgegenwärtige Bedrohung.
Der Cyberwar läuft auf einem unsichtbaren Gefechtsfeld ab. Im Gegensatz zu reiner Cyberkriminalität oder Spionage ist ein Cyberwar Teil eines umfassenden, staatlich gesteuerten Konflikts mit politischen oder militärischen Zielen. Angriffe im Cyberwar richten sich gegen militärische Netze, Kommunikationsstrukturen oder kritische Infrastrukturen (wie Energie- und Wasserversorgung). Das Bundesheer ist nur ein Akteur im Cyberwar und hat keine Allzuständigkeit im Staat für die Bekämpfung. Das Bundesheer definiert den Cyberraum als eigenständige operative Dimension. Die dortigen Cyberkräfte sind für die Beherrschung dieses Raumes zuständig. Auch andere staatliche Organisationen haben Cyberkräfte für ihren Zuständigkeitsbereich. Dies darf hier nicht als sinnlose Zersplitterung von Ressourcen betrachtet werden. Arbeiten nämlich alle staatlichen Stellen zusammen und arbeiten diese auch auf höchstem Niveau, kann großer Schaden in Österreich bei konkreten Cyberangriffen verhindert werden. Da der Staat mit seinen begrenzten Ressourcen nicht alle schützen kann, muss gegen Angriffe im Cyberwar jeder einzelne oder jedes einzelne Unternehmen selbst viel dagegen machen. Dies beginnt bei der Erstellung eines Notfallplan mit der Festlegung klarer Handlungsabläufe, Kommunikationswege und Ansprechpartner für den Ernstfall. Diese Notfallpläne sollten durch eine professionelle Analyse erfolgen und tatsächliche Angriffe durch ein Security Operations Center erkannt und gestoppt werden. Regelmäßig sollten Sicherheitsupdates für Betriebssysteme und Anwendungen erfolgen und Backups erstellt werden. Der Schulung der Mitarbeiter im Erkennen von Phishing-Mails und Social-Engineering-Tricks kommt auch große Bedeutung zu.
Die sichtbare neue Bedrohung ist der Einsatz der Drohnen, welche unbemannte Kampfmittel darstellen, die Bomben abwerfen, eine Rakete abfeuern oder auf ein Ziel stürzen. Der Krieg der Dohnen ist bereits eine „echte Revolution in Militärsachen“, vergleichbar nur mit dem Einsatz der Entwicklung des Schießpulvers und der Feuerwaffen. Diese unbemannten Systeme haben unterschiedliche Größe, welche von der Größe reiner Spielzeugflugzeuge bis zu großen Raketen und Marschflugkörpern reicht. Auf Österreich einfliegende große Drohnen werden wohl durch die Aufklärungs- und Radarsysteme des Bundesheeres rechtzeitig erkannt werden können. Ihre Bekämpfung ist auf Grund der verfügbaren Zeit ab der Zielauffassung daher auch grundsätzlich möglich, sofern das Bundesheer über genügend Abwehrmittel verfügt. Schwieriger bis fast unmöglich ist eine Abwehr von Drohen, welche in Österreich oder im grenznahen Ausland selbst gestartet werden und beispielsweise Anlagen der kritischen Infrastruktur ins Visier nehmen. Die Flugzeit kann dabei so gering sein, dass eine Abwehr auch gar nicht möglich ist. In diesem Fall muss man vorausschauend die Infrastruktur so planen, dass eine Einwirkung letaler Kampfmittel keine großen Schäden hervorrufen kann, etwa so wie in Japan die Häuser gegen die latente Erdbebengefahr möglichst erdbebensicher gebaut werden. Gibt es allerdings eine Reaktionszeit, wäre es hilfreich, wenn in der kritischen Infrastruktur Personen vorhanden sind, welche mit einer derartigen Situation umgehen können. Es sollten daher in jeder kritischen Infrastruktur „Drohnenabwehrbeauftragte“ eingeteilt werden, welche über das erforderliche Wissen über die Abwehr von Drohnen verfügen und auch die notwendigen Wirkmittel zur Abwehr von Drohnen haben. Der Autor geht davon aus, dass es in fast jeder Organisation der kritischen Infrastruktur geeignetes Personal dafür gibt, vorzugsweise aus der Miliz. Mit der Einführung derartiger Drohnenbeauftragter würde nicht nur die kritische Infrastruktur sicherer werden, sondern eine derartige Maßnahme würde auch dem Land ein höheres Gefühl der Sicherheit in unsicheren Zeiten geben.
Zum Autor
Hon.-Univ.-Prof. Dr. mult. Harald Pöcher
Generalmajor in Ruhe
Absolvent der Theresianischen Militärakademie
2003 Promotion an der Uni Wien (Sozial- und Wirtschaftswissenschaften/Volkswirtschaft)
2008 Habilitation aus Militärwissenschaft an der Militäruniversität in Budapest
Hon. Universitätsprofessor der Universität für Öffentliche Dienste in Budapest
2020 bis 2025 Chefredakteur der Zeitschrift Der Offizier