Der Offizier Online Nr. 1, Juni 2026
Blickt man in den Landesverteidigungsbericht 2024/2025 findet man auf Seite 22 den konkreten Personalstand der Berufsoffiziere über die letzten drei Jahre hinweg. Die dort veröffentlichten Zahlen [2.626 (2023) – 2.577 (2024) – 2.563 (2025)] zeigen eine abnehmende Tendenz. Sie erzählen aber nur die halbe Wahrheit, denn man muss diese Zahlen in Relation zu den Ausmusterungsstärken an der Militärakademie setzen. Berücksichtigt man ferner die Pensionsabgänge (da man ja bekanntlich nicht Äpfel mit Birnen vergleichen darf) also die Stärke der Ausmusterungsjahrgänge, welche sich noch im Dienststand befinden sollten, so kommt man auf einen Soll-Stand von 3.122 Berufsoffizieren. Setzt man beide Zahlen in Relation so sind rund 18 Prozent der ausgemusterten Berufsoffiziere bislang vorzeitig abgerüstet. Dem Vernehmen nach sollen vor allem nach der Akademisierung der Offiziersausbildung Ende der 1990er Jahre viele Absolventen abgerüstet sein. Vor der Akademisierung wurden von den 3.122 Offizieren 1.422 und nach der Einführung des Studiums für Berufsoffiziersanwärter 1.700 Leutnante ausgemustert. Berücksichtigt man ferner den Erfahrungswert des Autors von seinem eigenen Ausmusterungsjahrgang 1978 „Flitsch Tolmein“, in dem etwa 10 Prozent abgerüstet oder während des Dienstes verstorben sind, so sind vor der Akademisierung nur rund 140, nach der Akademisierung aber rund 420 Berufsoffiziere (= fast 25 Prozent der ausgemusterten Offiziere) vorzeitig abgerüstet oder während des Dienstes verstorben. Nur am Rande erwähnt: diese Fülle an abgerüsteten Offizieren führt bereits dazu, dass man in mehrere Kasernen gehen muss, um einen Hauptmann oder einen Major treffen zu können.
Die Gründe des vorzeitigen Abrüstens:
- An erster Stelle stehen sicherlich bessere Karrierechancen in der Privatwirtschaft, in der Sicherheitsbranche, aber auch in anderen Ressorts, da bekanntlich der ausgemusterte Berufsoffizier dienstrechtlich nicht als Akademiker in den Personalstand des Bundesheeres übernommen wird und damit auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen muss. Diese schlechtere Einstufung hat auch Auswirkungen auf die Höhe der Pension. Nicht nur, dass junge Leutnante, welche innerhalb der letzten Jahre ausmusterten, mit einer arbeitslebenslangen Durchrechnung auf wesentlich weniger Pension kommen als beispielsweise der Autor, der 2021 als Generalmajor in Pension ging und auch nicht mehr mit 100 Prozent des Letztbezuges (unter Einbeziehung der Nebengebührenwerte) im Aktivstand als Pensionsbezug rechnen konnte. Er hat durch die Durchrechnung auch schon Einbußen, welche in die mehr als 1.000 Euro netto gehen. Bei der jungen Generation wird das wohl noch einschneidender sein. Im Klartext gesprochen, in den Generalsrängen keine durchschnittlich 5.000 Euro netto im Monat mehr, sondern höchstens 3.000 netto.
- Die Work-Life-Balance ist in der Privatwirtschaft aber auch in anderen Ressorts besser als beim Bundesheer.
- Die Erwartungen an den Soldatenberuf werden in der Praxis nicht erfüllt und die jüngere Generation ist viel flexibler beim Berufswechsel.
Was getan werden muss:
Da die Ausbildung des Berufsoffiziersanwärters an der Militärakademie mit hohen Kosten verbunden ist, muss rasch eine Lösung bei der akademikerwürdigen Einstufung ausgemus-terter Leutnante gefunden werde. Bekannt ist dieses Problem der politischen Führung seit der Einführung der Akademisierung der Ausbildung des Berufsoffiziers – geschehen ist aber trotz des Wissens um dieses Manko bislang nichts.
Herr Bundeskanzler! Da in ihrem Wirkungsbereich das Dienstrecht und Gehaltsrecht res-sortiert, werden Sie bitte aktiv und sprechen Sie ein Machtwort, damit Berufsoffiziere ihrer akademischen Ausbildung entsprechend bezahlt werden.
Zum Autor
Hon.-Univ.-Prof. Dr. mult. Harald Pöcher
Generalmajor in Ruhe
Absolvent der Theresianischen Militärakademie
2003 Promotion an der Uni Wien (Sozial- und Wirtschaftswissenschaften/Volkswirtschaft)
2008 Habilitation aus Militärwissenschaft an der Militäruniversität in Budapest
Hon. Universitätsprofessor der Universität für Öffentliche Dienste in Budapest
2020 bis 2025 Chefredakteur der Zeitschrift Der Offizier