Wehr- und Sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 2/4/25
Die Bereitschaft, das eigene Land zu verteidigen, war einst eine Selbstverständlichkeit. Heute zeigen Umfragen in Österreich, aber auch beim großen Nachbarn Deutschland, ein anderes Bild: Die Mehrheit würde nicht zur Waffe greifen, nicht aktiv an der Verteidigung teilnehmen und im Zweifel eher fliehen als kämpfen. Ein erschreckender Befund, der nicht nur eine sicherheitspolitische, sondern eine tiefgehende gesellschaftliche Krise offenbart. Die Verantwortung dafür liegt beim Souverän, dem Volk, aber auch bei einer Politik, die sich über Jahrzehnte eingeredet hat, dass Sicherheit eine Selbstverständlichkeit sei, und es genüge, wenn man selbst friedlich ist und für Abrüstung plädiert.
In Österreich hat man sich auf die Neutralität verlassen, als wäre sie ein Naturgesetz, das Schutz garantiert. Jahrzehntelang wurde das Bundesheer finanziell ausgehungert, in der öffentlichen Wahrnehmung an den Rand gedrängt und auf Katastrophenschutz reduziert. Wer den militärischen Verteidigungsauftrag betonte, galt als rückwärtsgewandt. In Deutschland wurde die Bundeswehr von der Politik regelrecht demontiert. Die Überzeugung, dass militärische Stärke überflüssig sei, weil man sich in Diplomatie flüchten könne, hat das Land wehrlos gemacht. Die Verantwortungslosigkeit zeigt sich in maroden Strukturen, fehlender Ausrüstung und einer strategischen Naivität, die von der Realität immer wieder brutal widerlegt wird.
Doch auch die Gesellschaft selbst hat sich dem bequemen Glauben hingegeben, dass Landesverteidigung nicht ihre Aufgabe sei. Die Bereitschaft, für sein Land einzustehen, setzt eine Identifikation mit diesem Land voraus. Doch Patriotismus wurde über Jahrzehnte zu einem anrüchigen Begriff degradiert. Man ist stolz auf den Wohlstand, die Sozialleistungen, die Reisefreiheit – aber nicht auf die Nation als Wert an sich. Wer heute die Frage stellt, wofür dieses Land steht und ob es sich zu verteidigen lohnt, erntet nicht selten Gleichgültigkeit. Viele Menschen nehmen Frieden und Sicherheit als gegeben hin, weil sie nie erlebt haben, dass es anders sein könnte. Das Verständnis dafür, dass Freiheit und Unabhängigkeit verteidigt werden müssen, ist nicht mehr natürlich vorhanden.
Über Jahrzehnte hinweg wurde ein Lebensstil kultiviert, der Sicherheit als konsumierbares Gut betrachtet, das von anderen bereitgestellt wird. Verteidigung wurde externalisiert – an den Staat, an Bündnisse, an Institutionen, die „das schon regeln“ werden. Die Vorstellung, dass jeder Einzelne Verantwortung tragen könnte, wurde durch den Komfort verdrängt. Wer es gewohnt ist, dass Probleme durch Geld, Gesetze oder Technik gelöst werden, hält es für absurd, dass Verteidigung im Kern eine menschliche, physische Bereitschaft erfordert.
Gleichzeitig wird Kriegsführung in Mitteleuropa oft als Konzept der Vergangenheit betrachtet, als etwas, das „bei uns“ nicht mehr passieren kann. Doch die Welt dreht sich nicht nach den Wünschen einer saturierten Gesellschaft. Während andere Länder sich auf eine härtere Zukunft vorbereiten, bleibt im österreichischen Diskurs, allerdings ist es in Deutschland ähnlich, die Hoffnung, dass man sich irgendwie heraushalten kann. Diese Hoffnung ist gefährlich. Geschichte zeigt, dass Nationen, die nicht bereit sind, sich zu verteidigen, ihre Handlungsfähigkeit verlieren. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Länder wie Polen oder Finnland und das Baltikum einen hohen Wehrwillen haben – sie wissen aus ihrer Geschichte, dass Sicherheit keine Selbstverständlichkeit ist.
Wer also, wenn nicht wir? Die Antwort darauf ist unangenehm. Wenn wir es nicht tun, dann entscheidet jemand anderer über unser Schicksal. Es gibt keinen historischen Präzedenzfall, in dem eine Gesellschaft, die nicht bereit war, für ihre eigene Existenz einzustehen, auf Dauer unabhängig geblieben ist. Der Niedergang des Wehrwillens ist allerdings kein natürlicher Prozess, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Selbsttäuschung. Noch besteht die Möglichkeit, diesen Trend umzukehren – aber nur, wenn wir aufhören, uns einzureden, dass es immer die anderen sind, die für uns kämpfen müssen.
Dieser Wächter wurde im „Offizier 1/2025“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!