Abschreckung, Resilienz und die Illusion der Sicherheit

Wehr- und Sicherheitspolitisches Bulletin Nr. 3/3/26

Die sicherheitspolitische Grundfrage

In einer Diskussionssendung auf ServusTV wurde behauptet, Europa investiere zu viel in militärische Fähigkeiten und zu wenig in Diplomatie. Implizit steht dahinter die Annahme, dass Aufrüstung Eskalation erzeugt, während Zurückhaltung Stabilität fördert. Diese Annahme ist historisch und strategisch nicht belastbar.

Sicherheitspolitik operiert nicht im Raum moralischer Wünsche, sondern im Feld konkurrierender Machtinteressen. Staaten handeln nicht primär auf Basis von Sympathie oder ethischer Überzeugung, sondern entlang von Risiko-, Kosten- und Erfolgskalkülen. Wer diesen Umstand ignoriert, ersetzt Analyse durch Hoffnung.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob wir Frieden wollen.
Die Frage lautet: Unter welchen Bedingungen bleibt Frieden stabil.

Abschreckung als rationales Kalkül

Abschreckung ist kein emotionales Konzept. Sie ist ein rationales Instrument. Ihr Zweck ist es, einem potenziellen Aggressor die erwartbaren Kosten eines Angriffs so klar und so hoch erscheinen zu lassen, dass er von vornherein darauf verzichtet. Dabei geht es nicht um Überlegenheit im Sinne totaler Dominanz. Es geht um die Veränderung einer Kosten-Nutzen-Rechnung.

Im Kalten Krieg war die österreichische Raumverteidigung Ausdruck genau dieser Logik. Die militärische Analyse ging davon aus, dass Österreich kein primäres Ziel, wohl aber potenzielles Durchmarschgebiet sein würde. Geschwindigkeit war der Schlüssel. Entsprechend zielte die Verteidigungsplanung darauf ab, einem Aggressor Zeit zu nehmen, Räume zu verweigern, Bewegungsfreiheit zu stören.

Der sogenannte „Eintrittspreis“ sollte hoch sein, der „Aufenthaltspreis“ weiter steigen. Jagdkampf als Taktik der tausend Nadelstiche, vorbereitete Sperranlagen, Mobilisierungsfähigkeit von 240.000 Soldaten – all das hatte einen Zweck: Unkalkulierbarkeit für den Angreifer zu erzeugen. Abschreckung wirkt nicht spektakulär. Sie wirkt still. Ihr Erfolg besteht im Ausbleiben des Ereignisses. Gerade deshalb wird sie im Nachhinein oft unterschätzt. So dürfen sich Österreichs Soldaten durchaus zu den Siegern des Kalten Krieges zählen – obwohl das ÖBH in der Öffentlichkeit oft als chancenlos bezeichnet wurde und wird. Ungarische Offiziere haben später eingestanden, dass sie die Zeitvorgaben des Warschauer Paktes nicht einhalten hätten können.

Die strategische Schwäche des radikalen Pazifismus

Die Idee, sich im Ernstfall besetzen zu lassen und anschließend Widerstand zu leisten, ist moralisch aufgeladen. Strategisch jedoch verschiebt sie den Konflikt lediglich in eine spätere Phase – unter deutlich schlechteren Ausgangsbedingungen.

Ein besetztes Land verliert:

  • operative Entscheidungsfreiheit,
  • Kontrolle über kritische Infrastruktur,
  • wirtschaftliche Stabilität,
  • internationale Handlungsfähigkeit.

Widerstand aus der Ohnmacht heraus mag heroisch sein, aber er ist strukturell defensiv. Er akzeptiert den Verlust staatlicher Souveränität als Ausgangspunkt. Abschreckung hingegen zielt darauf ab, genau diesen Zustand zu verhindern. Strategisch betrachtet ist es rationaler, einen Angriff unattraktiv zu machen, als seine Folgen heroisch zu bewältigen.

Neue Verwundbarkeiten in einer vernetzten Welt

Österreich ist geografisch von EU-Staaten umgeben. Klassische Landinvasionen erscheinen unwahrscheinlich. Doch moderne Konflikte verlaufen nicht mehr entlang klarer Frontlinien. Raketen, Drohnen, Cyberangriffe und hybride Operationen überwinden Distanzen mühelos. Energieinfrastruktur, Verkehrsknotenpunkte, digitale Netze und logistische Drehscheiben sind verwundbar – auch ohne territoriale Besetzung.

Österreich ist eine zentrale Transit- und Logistikdrehscheibe Europas. In einem Konfliktszenario an der europäischen Peripherie würden Transportachsen durch unser Staatsgebiet verlaufen. Wer diese Achsen kontrolliert oder stört, beeinflusst den strategischen Verlauf eines Konflikts. Strategische Bedeutung entsteht nicht durch politische Parolen, sondern durch geografische Relevanz.

Daher ist der Aufbau einer glaubwürdigen Luftverteidigung und der Schutz kritischer Infrastruktur – zum Beispiel gegen subversive Kommandoaktionen – keine ideologische Entscheidung, sondern eine sicherheitspolitische Notwendigkeit. Eine bewegliche Kampfführung erfordert jedoch auch ein hohes Ausbildungsniveau, das über die Fähigkeiten einer ehemaligen Landwehr hinausgeht.

Wehrfähigkeit als Element gesamtstaatlicher Resilienz

Verteidigungsfähigkeit ist kein isoliertes militärisches Projekt. Sie ist Teil gesamtstaatlicher Resilienz. Ein funktionierendes Milizsystem, realistische Mobilisierungsrahmen, ausreichende Ausbildungsdauer und regelmäßige Übungen sind keine nostalgischen Relikte. Sie sind Voraussetzungen für Durchhaltefähigkeit.

Resilienz bedeutet, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Handlungsfähigkeit entsteht nicht ad hoc. Sie entsteht durch Vorbereitung. Ein Staat, der seine Verteidigungsfähigkeit vernachlässigt, sendet nicht das Signal moralischer Überlegenheit. Er sendet das Signal strategischer Selbstbeschränkung. Und Selbstbeschränkung wirkt in der internationalen Politik selten stabilisierend.

Diplomatie braucht Rückhalt

Diplomatie ist das bevorzugte Instrument der Konfliktlösung. Doch ihre Wirksamkeit hängt von der Glaubwürdigkeit möglicher Alternativen ab.

  • Verhandlungen ohne hinterlegte Handlungsoptionen sind Appelle.
  • Verhandlungen mit hinterlegter Handlungsfähigkeit sind Politik.

Abschreckung und Diplomatie sind keine Gegensätze. Sie sind komplementär. Militärische Fähigkeit ersetzt nicht das Gespräch – sie stabilisiert dessen Rahmenbedingungen.

Der strategische Realismus als Friedenspolitik

Frieden ist kein Naturzustand. Er ist ein Ordnungszustand. Ordnung entsteht nicht durch Wunschdenken, sondern durch Macht, Balance und Berechenbarkeit. Abschreckung trägt dazu bei, diese Berechenbarkeit zu sichern. Sie signalisiert: Ein Angriff wäre mit erheblichen Kosten verbunden. Sie zwingt potenzielle Aggressoren, ihre Optionen neu zu bewerten.

Das ist keine Kriegslust. Das ist strategischer Realismus. Wer Verteidigungsfähigkeit ablehnt, setzt darauf, dass andere ihre Macht nicht missbrauchen. Wer Verteidigungsfähigkeit stärkt, sorgt dafür, dass sie es nicht können. Zwischen diesen beiden Haltungen liegt kein moralischer Unterschied –
sondern ein strategischer.

Und Geschichte war noch nie besonders nachsichtig mit Staaten, die Hoffnung mit Strategie verwechselt haben.

Mag. Erich Cibulka, Brigadier
Präsident der Österreichischen Offiziersgesellschaft

Dieser Brief des Präsidenten wurde im „Offizier 1/2026“ veröffentlicht. Die elektronische Version finden sie hier zum Download und hier zum Blättern!

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